PRISKA PASQUER VIRTUAL GALLERY
CHARLIE STEIN PORTRAIT OF A FUTURE
CURATED BY PEGGY SCHOENEGGE
Mar. 10, 2021 – Apr. 14, 2021

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https://hubs.mozilla.com/2ZBNWda/PRISKA_PASQUER_Virtual_Gallery/

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PORTRAIT OF A FUTURE

Die Künstlerin Charlie Stein präsentiert von der Kuratorin Peggy Schoenegge

In der neuen virtuellen Galerie PRISKA PASQUER haben Besucher*innen die Möglichkeit, Ausstellungen zu besichtigen und an Veranstaltungen wie Artist Talks teilzunehmen. Der virtuelle Raum ist nicht nur Ort des Austauschs, sondern auch für neue kuratorische Formate. Den Auftakt bildet die Ausstellungsreihe ONE TO ONE in Zusammenarbeit mit der kuratorischen Plattform peer to space. Jeweils eine Kuatorin des Labels arbeitet zusammen mit einer Künstlerin an einer Einzelausstellung, die sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Lebenswelt beschäftigt. Nach Light Shines Through The Curtains Of Time von Kuratorin Tina Sauerländer und Künstlerin Ornella Fieres präsentiert nun Peggy Schoenegge die Arbeiten der Künstlerin Charlie Stein in der zweiten Ausstellung PORTRAIT OF A FUTURE.

Die Malereien und Zeichnungen von Charlie Stein zeigen weibliche Roboter, die den Menschen auf den ersten Blick sehr ähnlichsehen und doch unnatürlich wirken. Die Künstlerin vermenschlicht die ursprünglich maschinelle Gestalt, indem sie einzelne Teile aus verschiedenen Selfies ihres Instagram-Feeds zu einem neuen Bild zusammensetzt.Die Porträts folgen der typischen Darstellung inszenierter Selbstbilder im Internet. Stein zeigt die Figuren meist leicht nach oben schauend. Ihre unnatürlich großen Augen entsprechen der Veränderung, die Gesichtsfilter auf sozialen Medien propagieren.

Die Künstlerin befasst sich mit der Bedeutung von Robotern und der Darstellung von Weiblichkeit im digitalen Zeitalter. Die Roboter, die der Künstlerin als Vorlage dienen, sind teils realen, teils imaginären Ursprungs. Die Arbeit Unimate in Paris (2020) bezieht sich auf einen Industrieroboter, der 1961 von der Firma Ford in Betrieb genommen wurde. In Form eines einzelnen Arms bearbeitete und schweißte er Bauteile für Karosserien. Stein fügt dem Arm einen weiblichen Körper hinzu. Die junge Frau im braunen Mantel hält eine Zigarette und schaut teilnahmslos an den Betrachter*innen vorbei. Die Künstlerin konterkariert mit dieser nun femininen Identität die ursprünglich männlich konnotierte Funktion der Maschine. Für die Arbeit Awakening Health (Grace & Grace) (2020) betrachtet Stein den Pflegeroboter Grace, der zur Betreuung älterer Menschen eingesetzt wird. In der Arbeit als junge, blonde und zierliche Frauen dargestellt, umarmen sich Grace und Grace und geben sich Halt. Die zutiefst menschliche Geste wirft die Frage auf, inwieweit das Konzept der fürsorglichen Pflege – ebenfalls ein Stereotyp, der mit Weiblichkeit verbunden wird – überhaupt für Roboter relevant ist. In der Annahme, dass Frauen vertrauenswürdiger und untergebener erscheinen, sind sie eine bevorzugte Form für Maschinen, die dem Menschen dienen sollen. Sie spiegeln dabei den geschlechtsspezifischen Stereotyp der jungen, attraktiven und gehorsamen Frau wider. In ihren Arbeiten reflektiert Charlie Stein diesen Typus und reißt ihn aus seiner Leibeigenschaft heraus. Sie rückt sie in den Fokus ihrer Portraits und gibt ihnen Autonomie.

Der Ausstellungstitel PORTRAIT OF A FUTURE ist der Werkserie Portrait Of A Future Self (2019-2021) entlehnt. Die Frauenroboter befreien sich aus dem Zwang ihres Zwecks und stellen sowohl die Geschlechterklischees als auch die Mensch-Maschine-Beziehung auf den Kopf. In Hinblick auf die zunehmende Bedeutung von Robotertechnologien in unserem Alltag stellen sich Fragen zu ihrer gesellschaftlichen Funktion. Roboter sind menschliche Produkte und deshalb auch von unseren Normen und Werten geprägt. Charlie Steins Arbeiten eröffnen die Möglichkeit zur Reflektion. Wollen wir in Zukunft stereotype Rollenbilder in den Maschinen, die wir erschaffen, wiederholen? Oder wollen wir Veränderungen für ein offeneres, diverseres und faireres Dasein entwickeln, um unsere Zukunft zu prägen.

(Peggy Schoenegge)

Über die Künstlerin Charlie Stein und die Kuratorin Peggy Schoenegge

Die Künstlerin Charlie Stein und Kuratorin Peggy Schoenegge trafen sich im SALOON Berlin, einem internationalen Netzwerk für Frauen, die in der Kunstbranche arbeiten. Bei einem Studio-Visit der Künstlerin lernte die Kuratorin das Werk der Künstlerin genauer kennen.

Charlie Steins Arbeiten locken mit einer Ästhetik, die an die Selfie-Kultur sozialer Medien erinnert. Auf den zweiten Blick eröffnet sich der konzeptuelle Rahmen der Arbeiten. Brechungen und Unstimmigkeiten verweisen auf unseren technologisierten Alltag und die darin eingeschriebenen weiblichen Rollenbilder. Sie knüpft damit an die kuratorische Arbeit von Peggy Schoenegge an, die sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung unter feministischen Gesichtspunkten beschäftigt. Für sie ist es zudem von Interesse, wie Künstler*innen die Bedeutung von Technologien in klassischen Medien wie Malerei reflektieren. Charlie Stein beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit den unterschiedlichen Wahrnehmungen kultureller Identität im Kontext einer hoch digitalisierten, visuell übersättigten Welt. Ihr Material gewinnt sie aus der Recherche, das sie in Zeichnungen, Installationen, Objekte, Malerei und Text überträgt. Digitale Medien, Soziale Netzwerke und moderne Formen der Kommunikation sind zentrale Aspekte ihrer Arbeit, die sie immer wieder neu verhandelt. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit zeitgenössischen kulturell-informierten Ästhetiken und hinterfragt bestehende Wahrnehmungsmodi. Nach dem Studium der freien Malerei und Grafik bei Gerhard Merz hat Stein bei Christian Jankowski Bildhauerei studiert und 2017 als Meisterschülerin abgeschlossen. 2015 war sie für das Schmidt-Rottluff Stipendium nominiert, ist ehemalige Stipendiatin des DAAD und der BW-Stiftung. 2019 erhielt Stein den Kunstpreis der Stadt Limburg. Sie war mit ihrer Arbeit bei der Manifesta11 in Zürich, Blackball Projects in New York, im Songjiang Art Museum in Shanghai und während der Istanbul Bienniale 2017 verteten. Charlie Stein lebt und arbeitet in Berlin.

Peggy Schoenegge ist freie Kuratorin, Autorin und Projektmanagerin der Ausstellungsplattform peer to space sowie Vorstandsvorsitzende des medienkunstvereins. Sie hat einen B.A. und M.A. in Kunstgeschichte von der Humboldt-Universität Berlin und der Technischen Universität Berlin und verbrachte ein Jahr an der Ritsumeikan Universität in Kyoto (JP). Ihre Arbeit befasst sich mit den Bedingungen und Herausforderungen der Digitalisierung und dessen Auswirkungen auf unser alltägliches Leben, unsere Gesellschaft und Kultur. Im Besonderen befasst sie sich mit Gender, Performance und künstliche Intelligenz, indem sie digitale Kunst, Internetkunst und Kunst mit neuen Medien wie VR oder AR in realen und virtuellen Ausstellungsräumen zeigt. Sie hält international Vorträge auf Konferenzen und Veranstaltungen wie dem VRHAM! Virtual Reality & Arts Festival, WISE Conference oder für das Goethe-Institut. Aktuell unterrichtet sie an der Hochschule Darmstadt im internationalen Studiengang der Expanded Reality.

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PORTRAIT OF A FUTURE

Curator Peggy Schoenegge presents the work of artist Charlie Stein

In PRISKA PASQUER’s new virtual gallery, visitors have the chance to attend exhibitions and participate in events such as artist talks. This virtual space is not only a place for exchange, but also for new curatorial formats. The launch of the virtual gallery is marked by the exhibition series ONE TO ONE in collaboration with the curatorial platform peer to space. In each exhibition, a curator from the platform will collaborate with an artist on a solo show that explores the impact of digitalization on our daily lives. Following the first exhibition, Light Shines Through The Curtains Of Time by curator Tina Sauerlaender and artist Ornella Fieres, curator Peggy Schoenegge will present the work of artist Charlie Stein in the second exhibition PORTRAIT OF A FUTURE.

Charlie Stein’s paintings and drawings depict female robots that resemble humans on the surface, and yet appear unnatural. The artist humanizes machine-like figures by assembling individual components from various Instagram selfies to create new images. The portraits follow the typical style of staged self-portraits found on the Internet. Stein often shows her subjects looking slightly upwards. Their abnormally large eyes are in keeping with the transformations promoted by the facial filters common on social media.

The artist deals with the relevance of robots and the portrayal of femininity in the digital age. The robots that serve as references for the artist are partly real, and partly of imaginary origin. The work Unimate in Paris (2020) refers to an industrial robot that was made operational by the Ford company in 1961. Made in the shape of a single arm, the robot built and welded components for car bodies. Stein added a female body to the arm to the robot. The young woman in a brown coat is holding a cigarette and looking apathetically past the spectators. By using this feminine identity, the artist counteracts the masculine connotations of the machine. For the work Awakening Health (Grace & Grace) (2020), Stein uses the nursing robot Grace, which is used to care for the elderly. Represented in the piece as young, blonde, petite women, Grace and Grace embrace, giving each other support. The deeply human gesture raises the question of the extent to which the concept of nurture – also a stereotype associated with femininity – is at all relevant to robots. Based on the assumption that women appear more trustworthy and subordinate, their form is often favored for machines intended to serve humans. As a result, they reflect the gender stereotype of the young, attractive, and obedient woman. In her works, Charlie Stein reflects on this archetype and pulls it out of its servitude. By making them the focus of her portraits, she grants them autonomy.

The exhibition title PORTRAIT OF A FUTURE is derived from the series Portrait Of A Future Self (2019-2021). The female robots free themselves from the constraints of their intended purposes and turn both gender clichés and the relationships between humans and machines on their heads. In light of the increasing significance of robot technologies in our daily lives, questions emerge about their social functions. Robots are produced by humans and therefore shaped by our norms and values. Charlie Stein’s works open up the opportunity for reflection. In the future, will we continue to reproduce stereotypical role models in the machines we are creating? Or do we have a desire to change and develop a more open, diverse and fair existence to shape our future?

(Peggy Schoenegge)

About the artist Charlie Stein and the curator Peggy Schoenegge

The artist Charlie Stein and the curator Peggy Schoenegge met at SALOON Berlin, an international network for women working in the art world. During a studio visit, the curator learned more about the artist’s work. Charlie Stein’s work draws the viewer in with an aesthetic reminiscent of the selfie culture on social media. The conceptual framework of the works opens up upon second glance: mutations and incongruities reference our technology-based daily life and the female role models embedded in it. Stein’s work ties in with the curatorial work of Peggy Schoenegge, who deals with the societal effects of digitalization from a feminist perspective. Schoenegge is also drawn to how artists reflect on the significance of technology in traditional mediums such as painting.

In her work Charlie Stein deals with dominant cultural aesthetics questioning existing modes of perception within the context of a highly digitized, visually overstimulated world. Her material is gathered through extensive research and translated into drawings, installations, sculptures, paintings and text. Her focus lies on social structures, digital media and contemporary forms of communication. She holds a postgraduate degree in fine art from the State Academy of Fine Art where she studied at the classes of Christian Jankowski and Rainer Ganahl in Stuttgart, as well as the class of Gerhard Merz in Munich. She was a recipient of a DAAD scholarship in 2010 to reside in Beijing, China. Recent exhibitions include Manifesta11, Villa Merkel, the Songjiang Art Museum in Shanghai, Museum Villa Rot and the 2017 edition of the Istanbul Biennial.

Peggy Schoenegge is an independent curator, writer and project manager at peer to space as well as chairwoman of the media art association in Berlin. She holds a B.A. and M.A. in Art History by Humboldt-University Berlin and Technical University Berlin and spent a year at Ritsumeikan University in Kyoto (JP). Her work deals with the conditions and challenges of digitalization and its effects on our everyday life, society and culture. Specifically, she addresses gender, performance, and artificial intelligence by curating digital art, internet art and art with new media such as VR or AR in both real and virtual exhibition spaces. She gives lectures and participates in panel discussions internationally at conferences and events such as the VRHAM! Virtual Reality & Arts Festival, WISE Conference or for the Goethe-Institute. Currently she teaches at the University of Applied Sciences Darmstadt in expanded reality.